Systemwissen hängt in gewachsenen Landschaften an Personen, nicht an Dokumenten. Wer eine Anwendung über fünfzehn Jahre begleitet hat, trägt die Begründungen im Kopf: warum ein Feld doppelt geführt wird, warum ein Auftrag zwei Stati kennt, warum ein bestimmter Nachtlauf nie verändert wurde. Geht diese Person in Pension oder wechselt sie den Arbeitgeber, geht die Begründung mit. Die Software bleibt, ihre Lesbarkeit nicht.
Nachbesetzen ist keine verlässliche Antwort mehr. Statistik Austria hat erhoben, wie es Unternehmen ergeht, die IT-Personal suchen: Von den österreichischen Unternehmen ab zehn Beschäftigten, die 2023 IKT-Fachkräfte gesucht oder es zumindest versucht haben, berichteten zwei von drei über Stellen, die sich nur schwer besetzen ließen. Als häufigsten Grund nannten sie zu wenige Bewerbungen. Rechnet man nicht nur die suchenden, sondern alle Unternehmen einer Größenklasse, steigt der Anteil mit der Betriebsgröße: Von allen Unternehmen ab 250 Beschäftigten meldeten 44 Prozent schwer zu besetzende IKT-Stellen, von jenen mit 50 bis 249 Beschäftigten 14,5 Prozent, von den kleinen mit 10 bis 49 Beschäftigten 3,7 Prozent. Erhebung „IKT-Einsatz in Unternehmen“, Berichtsjahr 2023.
Der deutsche Markt, aus dem viele Bewerbungen kommen, entlastet den österreichischen nicht. Der Bitkom-Studienbericht „Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte“ nennt rund 109.000 offene Stellen für IT-Fachkräfte in der deutschen Wirtschaft. 85 Prozent der befragten Unternehmen beklagen den Mangel, 79 Prozent erwarten eine weitere Verschärfung. Erhebungsjahr 2025, befragt wurden 855 Unternehmen ab drei Beschäftigten.
Für Ihr Vorhaben heißt das zweierlei. Erstens ist die Person, die Ihr Altsystem erklären kann, heute noch da und in ein paar Jahren womöglich nicht mehr. Solange sie erreichbar ist, kostet eine Bestandsaufnahme einen Bruchteil dessen, was eine Rekonstruktion aus dem Quelltext kosten würde. Zweitens werden Sie die Modernisierung kaum mit zusätzlichem eigenem Personal stemmen, weil dieses Personal am Markt schwer zu bekommen ist. Der realistische Weg führt über vorhandene Kapazität von außen, kombiniert mit Ihren eigenen Leuten, die den Fachbereich kennen.